Wenn alle Stricke reissen…
Klickt man sich durch die Unmengen von Publikationen die sich vom Selbstverständnis her als „Satire“ begreifen, stellt man schnell fest, dass damit nichts weiter als gequält-ironische Bemerkungen mit Bezug zur Tagespolitik gemeint sind – oder aber man umreisst Alltagsbegebenheiten mit Wiedererkennungswert und kotzt sich über vermeintlich mangelnden Sinn für Ästhetik, respektive vermeintlich dumme Fragen Dritter aus. Für beide Kategorien finden sich immer genügend Menschen, die das ganze auch noch wahnsinnig „scharfzüngig“, „gnadenlos“ und zuweilen sogar „herrlich politisch inkorrekt“ finden.
Kommen mal wirklich interessante Impulse, lässt kaum jemand ab gewisser medialer Reichweite die Gelegenheit aus, alle wissen zu lassen, dass man ja das berühmte Zitat von Tucholsky kenne, aber ihm doch ein ganz klitzekleines bisschen widersprechen müsse.
So verirre ich mich z.B. bei einer Textsammlung von einer Kollumnistin, die sich Elvira J. nennt und finde das alles gnadenlos. Gnadenlos schlecht. Das ist natürlich nicht weiter schlimm. Was für Einen Unterhaltung ist, kann sich sicherlich jeder – bis zu einem gewissen Grad – selbst definieren. Die Dame hat allerdings auch einen Text mit dem Titel „Warum Frauen keine netten Kerle lieben,“ verbrochen. Einleitend steht dort:
dieser Text wurde in tausenden Foren diskutiert, von hunderten Plagiatoren als Eigenwerk ausgegeben und sehr selten mit der richtigen Quelle genannt. Eines meiner ersten Werke
Interessant. Dem Text mangelt es an sprachlicher Eleganz und Originalität. Eigentlich arbeitet sich die Verfasserin zum größten Teil an längst überholten Sitcom-Klischees ab (Ich spar mir an dieser Stelle das Quoten). Nichtsdestotrotz glaube ich das mit den Plagiatoren aufs Wort. Im StudiVZ macht sich sogar jemand die Mühe eine Gruppe mit ähnlichem Namen zu gründen, und den Text in das Gruppenprofil zu pasten… und findet über 25000 Mitglieder, die alle dabei mithelfen eine allgemein bekannte Tatsache als neue Erkenntnis zu verkaufen:
Wer sich anpasst, steigert seinen Marktwert.
Im Trash-TV-Format „Das Model und der Freak“ geschieht das konsequenter, allerdings mit interessanteren Fallbeispielen. Hier ernten die Initiatoren des Ganzen allerdings nichts als harsche Kritik. Die WELT schreibt:
das ist Konzept der Sendung: Das tun, was einem in Kindergarten und Grundschule verboten wurde. Andere aufgrund ihrer Andersartigkeit zu hänseln, sie auszugrenzen
Das kann man so nicht stehen lassen. Auch an pädagogischen Anstalten ist man sich der Formel mit der Anpassung und dem Marktwert durchaus bewusst und deshalb legt jede Schule viel Wert auf die Vermittlung sog. „sozialer Kompetenzen“. Den erzieherischen Gestus hat nämlich der Text mit der Sendung gemein. Und die StudiVZ-Gruppe erst recht.
Was lernt man daraus? Im Web2.0 tummeln sich mehrheitlich die Leute rum, die einem schon offline seit Jahren auf die Nerven gehen. Wo findet man Abwechslung? Na ebendort. Bei Youtube z.B:
Wenn alle Stricke reissen, dann hat man ja immer noch die Musik…. …oder so…
Tags: elvira j, freaks, ms john soda, normatives, satire
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